Feinstaub – Grund zur Panik?
Mein Anlass, die ganze Feinstaub-Problematik ein wenig näher unter die Lupe zu nehmen, war eine Veranstaltung der Verkehrswende Heilbronn. Dort wurde (unter anderem) immer wieder auf die anscheinend hohe Feinstaubbelastung verwiesen, weshalb dieses und jenes Verkehrsprojekt keinesfalls durchgeführt werden darf. Meine Zweifel, ob denn da wirklich alleine der Verkehr Schuld hätte, wurden ohne nähere Betrachtung weggewischt, weil es ja “klar sei”, dass der Verkehr da ein “großer Faktor” sei. Und das, obwohl ich für meine Vermutung gute Gründe hatte – so hat London nach Einführung der Citymaut ca. 30% weniger Verkehr in der Innenstadt, aber trotzdem unverändert hohe Feinstaubwerte.
Auch die (hier exemplarisch betrachtete) Aussage vom LINKE-Stadtrat Hasso Ehinger “Nicht das Klima, der Verkehr ist schuld !“, die völlig ohne Quelle und Beleg als “Fakt” in den Raum geworfen wird, hat mich dazu gebracht, die entsprechenden Zahlen mal genauer zu betrachten.
Meine Vermutung
Bevor ich mich genauer in die Materie eingearbeitet habe, hatte ich folgende Vermutung: Verkehr hat zwar einen Einfluss auf die Feinstaubbelastung, aber keinen sonderlich großen. Wesentlich mehr dürften zum Beispiel Heizungen ausmachen.
Vorneweg: Der betrachtete Zeitraum ist jeweils von Anfang 2005 bis Ende 2010, Ort der Messungen ist Heilbronn.
Allgemein noch zur Interpretation von Diagrammen: Die Betrachtung von einzelnen Messpunkten ist nicht zielführend, wichtiger sind die allgemeineren Trends. Statistische Ausreißer können immer passieren (in diesem Falle z.B. durch Tagesbaustellen, Vulkane, fehlerhafte Einzelmessungen oder sonstige Faktoren).
Erste Sackgasse
Mein erste Recherche hat mich auf die Seite der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz geführt. Dort findet man allerdings keine Archivdaten, sondern nur den aktuellen Messwert. Auch nach weiterer Suche dort fand ich maximal Jahresmittelwerte oder die Anzahl der Grenzwertüberschreitungen pro Jahr – beide sind allerdings nicht sonderlich aussagekräftig, wenn es um allgemeinere Beobachtungen gehen soll. Einen Hinweis, dass ich mit meiner Vermutung, dass Heizungen größere Feinstaubsünder sind, fand ich dann aber doch: Beim Umweltbundesamt kann man sich die Anzahl der Grenzwertüberschreitungen für das laufende Jahr auch monatsweise anzeigen lassen. Dabei ergibt sich (nach einiger Klickerei) für die 35 Überschreitungstage (Stand: 15.7.2011) in Heilbronn folgende Verteilung:
- Januar: 4
- Februar: 11
- März: 11
- April: 7
- Mai: 2
- Juni: 0
- Juli: 0
Nun, zumindest widerlegt ist meine These damit nicht. Für allgemeinere Aussagen ist das allerdings auch deutlich zu wenig, deshalb brauchte ich genauere Daten. Nachdem ich die Bürgerreferentin des LUBW per Mail angeschrieben habe, bekam ich dann auch bald schon genauere Messdaten: Alle Tagesdurchschnittswerte von Anfang 2005 bis Ende 2010.
Zeit für Diagramme!
Nachdem ich nun sowohl Feinstaub- als auch Wetterdaten hatte, war es Zeit, diese mal miteinander in ein Diagramm zu packen, um grob zu schauen, ob Trends erkennbar sind. Sowohl die Temperaturdaten, als auch die Feinstaubdaten habe ich dafür zuerst zu Monatsmittelwerten zusammengefasst. Herausgekommen ist dabei das hier:

Quelle: LUBW
Von gelegentlichen Ausreißern abgesehen ist der Trend deutlich: In kalten Monaten ist der Feinstaubwert im Schnitt rund doppelt so hoch wie in warmen Monaten. Das ist meiner Interpretation nach schon ein sehr starker Hinweis darauf, dass der Verkehr bei den Grenzwertüberschreitungen höchstens in Grenzfällen das Zünglein an der Waage ist.
Mein nächster (im Nachhinein betrachtet zu naiver) Ansatz war, die Durchschnittswerte für die Wochentage zu berechnen. Zuerst hatte ich allerdings nicht bedacht, dass ja Sonntags nicht nur weniger Verkehr unterwegs ist, sondern auch die Industrie und Baustellen im Allgemeinen eher Pause machen und somit keinen Feinstaub produzieren. Nichtsdestotrotz will ich das Diagramm nicht vorenthalten:

Quelle: LUBW
Die dicke schwarze Linie ist dabei der Mittelwert aller jeweiligen Wochentage und zeigt eine Schwankung von Sonntags knapp 20 µg/m³ bis Donnerstags gut 26 µg/m³. Wenn man aber bedenkt, dass diese Schwankung nicht ausschließlich auf weniger Verkehr zurückzuführen ist, muss man zu dem Schluß kommen, dass eben dieser wirklich keinen großen Einfluß haben kann. Die extreme Schwankung bei den Meßwerten an den kältesten betrachteten Donnerstagen (zwischen -5°C und 0°C) kann ich mir übrigens derzeit nicht erklären, aber der Trend ist ja trotzdem recht deutlich.
Zum Abschluss habe ich dann noch alle mir vorliegenden Feinstaub- und Temperaturdaten in folgendes Schaubild geworfen:
Und analog dann noch für die Feinstaub- und Windgeschwindigkeitsdaten:

Quelle: LUBW
Die grünen Linien sind hier jeweils der Grenzwert 50 µg/m³ (Achtung: Die offiziellen Zahlen sind ein wenig anders, da in Heilbronn dank einer Ausnahmegenehmigung der höhere Grenzwert 75 µg/m³ gilt). Alles in allem muss man beim Betrachten der Werte feststellen, dass der absolute Großteil aller Meßwerte sehr deutlich unter den Grenzwerten liegt und es nur an kalten und relativ windstillen Tagen zu entsprechenden Überschreitungen kommt.
Fazit
Nüchtern betrachtet kann die teilweise hysterisch wirkende Feinstaubpanik nicht rational begründet werden. Wer aber trotzdem denkt, wegen erhöhter Feinstaubwerte um sich oder seine Familie Angst haben zu müssen, dem sei empfohlen, an kalten und windstillen Tagen nicht nach draußen zu gehen, die Fenster geschlossen zu halten und die Heizungen auszuschalten (selbstverständlich ist das Rauchen in der Wohnung auch ein absolutes No-Go).
Quellen
Quelle aller Zahlen ist die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz. Die Messdaten für Temperatur und Windgeschwindigkeiten kann man sich dort aus dem Daten- und Kartendienst selbst herunterladen. Die Messdaten für PM10-Feinstaub sind dort leider nicht direkt öffentlich verfügbar, aber auf Nachfrage wurden mir die tagesgenauen Werte per Mail zugeschickt. Die Weitergabe der Rohdaten an Dritte wurde mir leider untersagt. Alle Zusammenfassungen auf Tages- oder Monatsmittelwerte habe ich mit selbstgeschriebenen Perl-Scripten durchgeführt; das Zeichnen der Diagramme hat freundlicherweise gnuplot übernommen. Für die Richtigkeit meiner Programmierkünste mag ich nicht garantieren, aber nach Stichproben sahen die Ergebnisse plausibel aus.